Bild: © riccardo gazzin/ unsplash

Miriam und Thomas sind Wissenschaftler/innen an der WU. Sie arbeitet als Assistenzprofessorin am Institut für Österreichisches und Europäisches Privatrecht, er als Assistenzprofessor am Institute for International Business. „Ich habe meine Universitätskarriere nicht bewusst geplant“, lacht Thomas. „Sie ist vielmehr passiert. Ich wurde während meiner Masterarbeit darauf angesprochen, ob ich nicht weiterhin wissenschaftlich arbeiten möchte.“ Aktuell forscht er unter anderem an den Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf Geschäftsprozesse und im Rahmen eines Horizon-Projekts an innovativen Finanzierungsinstrumenten für Energieeffizienzmaßnahmen, wie z.B. Crowdfunding von Solarpanels für Schulen in Polen.

Auch Miriam kam über ihre Masterarbeit in die akademische Laufbahn. „Meiner Einschätzung nach sind es oft andere, die einem/einer den Weg in die Wissenschaft ebnen. Bei mir war es meine Betreuerin, die mich eines Tages fragte, ob ich mir denn eine Universitätskarriere vorstellen könnte.“ Heute beschäftigt sich Miriam viel mit dem Einfluss von Technologie auf Arbeit und Arbeitsrecht. „Bei der Frage nach algorithmischer Diskriminierung widme ich mich zum Beispiel Recruiting-Software. Gibt es hier Lohnunterschiede aufgrund von Alter oder Geschlecht? Und: Wer ist dann haftbar – der Software-Hersteller? Oder das Unternehmen, das die Software nutzt?“

Spannende Themen am Puls der Zeit. Und so wie Miriam und Thomas forschen weitere 1.600 Mitarbeiter/innen an der WU zu gesellschaftlich-, politisch- und wirtschaftlich-relevanten Themen. Grund genug, Karrieren in der Wissenschaft einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Wir haben 5 Erkenntnisse zusammengefasst …

Erkenntnis 1: Wissenschaft ist nicht nur Forschen

Wenn man an eine Karriere in der Wissenschaft denkt, dann kommen einem/einer wohl zuerst Bilder von stapelweise Büchern, großen Datenbanken und vielen kniffeligen statistischen Gleichungen in den Sinn. Aber: Arbeiten in der Forschung ist eben nicht nur die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragestellungen.

Vielmehr seien die Aufgaben von Wissenschaftler/innen vielfältig, wie Michael Lang, Vizerektor für Forschung und Personal, betont: „Sie umfassen neben klassischer Forschung und Lehre auch zunehmend Managementaufgaben und die Vermittlung von Forschungsergebnissen an die Gesellschaft.“

Miriam beschreibt ihre Tätigkeit in mehreren Rollen: „Ich bin principal investigator, also Hauptforscherin, gleichzeitig aber auch Projektmanagerin, verantwortlich für die Geldgeber/innen und zudem mit der Weitergabe des Wissens sowie administrativen Aufgaben beschäftigt.“ Ein breites Aufgabengebiet, das neben Forschung und Lehre auch viel mit Organisation zu tun hat. „Forschung umfasst viel mehr als nur am Schreibtisch zu sitzen. Es gibt Reisen, die gebucht, und Veranstaltungen, die organisiert werden müssen. Auch Tagungen oder Speeches sind gründlich vorzubereiten.“

Ein weiterer wichtiger Punkt sei auch die Überzeugung anderer von der eigenen Arbeit. „Ich muss meine Forschung ja auch an den Mann/die Frau bringen“, meint Miriam. „Ob es jetzt bei der Europäischen Kommission in Brüssel, bei dem Gesetzgeber hier in Österreich, bei den Gewerkschaften oder der Arbeiterkammer in Wien ist.“ Thomas stimmt zu: „Ich hätte zu Beginn meiner Arbeit nicht vermutet, wie wichtig die Argumentation für die gesellschaftliche und praktische Relevanz der eigenen Forschung ist.“ Miriam ergänzt: „Da braucht es auch ein Stück weit Kreativität. Es gilt Lücken in gesellschaftlichen Themenfeldern zu suchen, an denen noch wenig geforscht wurde oder wo eine Perspektive fehlt. Das ist ein sehr strategischer Ansatz.“

So viel Zeit rein für die Forschung bleibt also gar nicht. Thomas meint, dass er rund die Hälfte seiner Arbeit effektiv in die Forschung fließen lassen könne. „Ein weiteres Drittel ist für die Lehre reserviert. Wobei es hier natürlich zeitliche Unterschiede gibt. Wenn ich eine Lehrveranstaltung komplett neu konzipiere, ist der Aufwand dementsprechend höher.“ Außerdem sei auch die Zusammenarbeit mit anderen Forscher/innen zu erwähnen. „Die besten Ideen entstehen immer an dem Tag, nachdem ich von einer Konferenz retour gekommen bin.“

Die Annahme, dass man sich in wissenschaftlichen Karrieren vorwiegend allein in Recherchen vertieft, kann also nur teilweise bestätigt werden. „Grundsätzlich arbeitet man schon viel allein“, beschreibt Thomas seinen Arbeitstag. „Aber, wenn ich zum Beispiel an Drittmittelprojekte denke, dann muss man auch in Großgruppenmanagement fundiert sein. Da gibt es mitunter Arbeitsteams von 15 Personen“, meint er. „Ich denke, man muss beides können: für sich und im Team arbeiten“, ergänzt Miriam. „Gerade auf Tagungen ist es auch sicherlich hilfreich, wenn man ein Gruppenmensch und nicht zu schüchtern ist.“

Erkenntnis 2: Die weite Welt ruft

Für alle, die eine Universitätskarriere anstreben, ist der Gefallen an internationaler Mobilität eine wesentliche Zutat zum Jobglück. Denn die Forschung lebt vom Gedankenaustausch, Wissenschaftler/innen bewegen sich in einem internationalen Umfeld und Reisen gehören zum Alltag eines Forschers/einer Forscherin einfach dazu – vor COVID-19 sowieso und sehr wahrscheinlich auch nach der Zeit des Social Distancing. „Tagungen finden überall dort statt, wo Fachbereiche vertreten sind. Sei es in den USA, Australien oder Deutschland“, so Miriam.

Außerdem braucht es zumeist auch die Bereitschaft für längere Auslandsaufenthalte. „Gerade in der Volks- und Betriebswirtschaft muss man zumindest europaweit mobil sein. Sonst kann man in der Karriere kaum vorankommen“, meint Thomas. Zum einen wird diese Mobilität durch das knappe Angebot an passenden Stellen bedingt. Thomas: „Es gibt weltweit nur eine begrenzte Anzahl an Professuren in einem Fachgebiet. Und wenn eine Professur in, sagen wir, Belgien frei wird, dann heißt es eben: Ab nach Belgien.“

Zum anderen sehen viele wissenschaftliche Laufbahnen an der WU auch dezidiert internationale Aufenthalte vor. Vizerektor Lang erklärt, dass Tenure-Track-Positionen an der WU, die letztlich auch zur Zugehörigkeit zur Professor/innenschaft führen können, Auslandserfahrung voraussetzen würden: „Wir suchen Nachwuchswissenschaftler/innen, die ihren PhD an einer ausländischen Universität gemacht haben oder nach ihrem österreichischen PhD einige Zeit im Ausland geforscht haben.“

Natürlich kommt es aber auch auf das Themenfeld an. „In vielen Bereichen der Rechtswissenschaft zum Beispiel ist internationale Mobilität keine so starke Voraussetzung“, meint Miriam.

Erkenntnis 3: Frei, flexibel, eigenverantwortlich

Miriam und Thomas strahlen um die Wette: „Die Freiheit ist das Beste an der Arbeit in der Wissenschaft.“ Und damit meinen sie nicht nur die ‚akademische Freiheit‘, also die Möglichkeit, die eigenen Forschungsfelder je nach Interesse, Aktualität und Relevanz frei wählen zu können, sondern auch ganz konkret die Gestaltung des eigenen Arbeitstags. Thomas erzählt: „Ich kann mich jeden Tag entscheiden, ob ich heute ein Paper schreibe, eine Vorlesung vorbereite, eine Simulation programmiere oder die OeNB anrufe.“

Auch Miriam ist begeistert, dass sie sich den Tag selbstbestimmt einteilen kann. Sie betont aber auch die dafür notwendigen Skills, um in der Arbeit voranzukommen. Gutes Time-Management werde zum Key-Asset für ein Arbeiten in der Wissenschaft. „Nachdem die Deadlines so lange sind – wir reden hier zum Beispiel von einem Paper mit Abgabetermin 2022 – gibt es eigentlich kaum Zeitdruck für einen bestimmten Arbeitstag“, stimmt Thomas zu.

Zudem werden intrinsische Motivation und Selbstorganisation zu einem Schlüssel für den Erfolg. Miriam kennt die Herausforderungen: „Du hast mehrere Paper zu schreiben, diverse Lehrveranstaltungen zu organisieren, eine Konferenz vorzubereiten und die Administration abzuwickeln. Da sollte man nicht durcheinanderkommen, die Übersicht bewahren und die richtigen Prioritäten setzen.“

Thomas ergänzt noch eine weitere Zutat des selbstständigen Arbeitens: den Erwerb der nötigen Skills. „Im quantitativen Arbeiten gibt es zum Beispiel eine große mathematische Komponente. Und wenn man dieses Wissen bzw. diese Skills nicht von vornherein mitbringt, muss man es im Selbststudium eigenständig erwerben. Learning by doing – beigebracht bekommt man es nicht.“

Erkenntnis 4: Es braucht eine „dicke Haut“

Mit wissenschaftlichen Arbeiten ist allerdings auch einiges an Leistungsdruck verbunden. Die Dienstverhältnisse sind in der Regel befristet, die Verlängerung ist häufig an die eigene Forschungsleistung gekoppelt. „Ganz plakativ gesagt: In diesen 4 Zeitschriften musst du in den nächsten 5 Jahren 6 Paper veröffentlichen, sonst endet dein Arbeitsvertrag“, erklärt Thomas die Situation. Dieser Publikationsdruck sei insbesondere bei der Familienplanung eine besondere Herausforderung.

Dabei hat die WU, im Vergleich zu anderen Hochschulen, weniger prekäre Arbeitsverhältnisse. „Wer sich an der WU für eine PhD-Stelle erfolgreich bewirbt, bekommt in den meisten Fächern – anders als an fast allen anderen österreichischen Universitäten – gleich einen 6-jährigen Vertrag, um nicht nur die PhD-Qualifikation erfolgreich zu erwerben, sondern sich auch – mit Unterstützung der Universität – auf eine weitere Karriere vorzubereiten“, zeigt Vizerektor Lang den Vorteil einer wissenschaftlichen Karriere an der WU auf. Auch der Wettbewerb um eine Drittmittelfinanzierung sei an der WU im Vergleich zu anderen Unis weniger stark ausgeprägt. Thomas: „Im Vergleich zu einer technischen Uni, wo die Drittmittelquote manchmal mehr als 50 Prozent beträgt, ist der Prozentsatz an der WU deutlich geringer.“

Eines ist bei einer Arbeit für die Wissenschaft aber immer von Nöten, egal an welcher Hochschule man aktuell arbeitet: die dicke Haut bezüglich negativem Feedback. Thomas meint: „Der Review-Prozess von international renommierten Journals ist wirklich brutal. Ein Experte/eine Expertin entscheidet, ob dein Paper gut genug für die Publikation ist. Das ist zwar oft nur eine Einzelmeinung – sie kann aber eine Auswirkung auf deine Karriere haben.“ Er ergänzt weiter: „Ich glaube, es gibt keinen anderen Beruf, in dem man öfter direkt gesagt bekommt, dass die eigene Arbeit der letzten 2 Jahre – übertrieben gesagt – für die Katz war.“

Erkenntnis 5: Eine Professur als Tüpfelchen auf dem i

Sowohl für Miriam als auch für Thomas ist die Professur das erklärte Ziel in ihrer Laufbahn. Beide geben an, in der akademischen Karriere Schritt für Schritt vorankommen zu wollen. „Sonst wäre ich nicht schon so lange dabei“, erklärt Miriam. Sie ist sich aber bewusst: „Die Karrierechancen werden nach oben ganz schön dünn.“

„Es ist im Endeffekt ein Angebotsmarkt“, meint Thomas. „Die Stellen an Professuren sind stark begrenzt. In deinem Fachgebiet gibt es vielleicht insgesamt 50 Professuren – weltweit versteht sich.“

Wenn eine dieser Professuren schließlich frei wird, ist sie natürlich hart umkämpft – die Konkurrenz, auch international, ist groß. Vizerektor Lang gibt Einblick in das Auswahlverfahren: „Die Position eines Full Professors schreiben wir üblicherweise international aus, und sie wird nach einem hochkompetitiven Verfahren vergeben. Immer wieder kommen dabei auch Bewerber/innen zum Zug, die ursprünglich ihre Karriere an der WU begonnen haben, und dort so gut wissenschaftlich ausgebildet wurden, dass sie sich auch im internationalen Wettbewerb gegen starke Konkurrenz erfolgreich durchsetzen.“

Ein anderer Weg in die Professor/innenschaft an der WU ist der sogenannte Tenure-Track. Dieses Beschleunigungsprogramm führt in 6 Jahren zum Associate Professor mit unbegrenztem Dienstverhältnis. „Die Tenure-Track-Positionen sind seit einiger Zeit ein weiterer Weg für hoch qualifizierte Nachwuchswissenschaftler/innen in die Professor/innenschaft, die zunächst im Rahmen einer Postdoc-Position starten“, erklärt Vizerektor Lang. Thomas, der selbst im Tenure-Track-Prozess ist, beschreibt: „Nach meinen 6 Jahren als Assistant Professor kommt es zur Habilitation und zur Prüfung verschiedener Voraussetzungen. Werden diese positiv evaluiert, steige ich zum Associate Professor auf.“

Denken wir aber noch einen weiteren Weg durch. Nämlich den, dass man von der akademischen Laufbahn in die Wirtschaft wechselt. „Mit einer abgeschlossenen akademischen Qualifikation hat man in vielen Unternehmen oft auch Chancen, Karrierestufen zu überspringen“, meint Vizerektor Lang. Thomas hat beobachtet, dass sich insbesondere nach dem Doktorat der überwiegende Großteil der Absolvent/innen bei Unternehmen bewirbt. Vizerektor Lang legt dabei auch eine realistische Einschätzung der eigenen Chancen ans Herz: „In manchen Bereichen gibt es ein gewisses Spezialisierungsrisiko: Je enger das Forschungsfeld, desto weniger Unternehmen gibt es in der Privatwirtschaft, die in Betracht kommen.“

Wissenschaft ist kein bloßer „Job“

Miriam und Thomas brennen für ihre Jobs in der Forschung. „Die Möglichkeit, sich wirklich mit dem zu beschäftigen, was mich selbst interessiert, und dabei einen Nutzen für die Gesellschaft zu schaffen, ist einfach genial“, betont Miriam voller Energie. Und auch Thomas ist mit großer Begeisterung in der Wissenschaft tätig: „Die akademische Freiheit leben zu können, ist sehr erfüllend.“

Leidenschaft für die Sache ist wohl ein Stichwort, das alle Forscher/innen teilen. „Für die Wissenschaft braucht man Neugier und Offenheit für Neues. Wissenschaftler/in ist kein bloßer ‚Job‘: Man sollte sich ‚berufen‘ fühlen, das Fach, das ein Interesse geweckt hat, weiterzuentwickeln, und anderen Menschen – in diesem Fall vor allem Studierenden – Wissen zu vermitteln und sie zum kritischen Nachdenken anzuregen“, meint Vizerektor Lang.

Denn wer vor allem durch hohes Gehalt und schnellen Ruhm motivierbar ist, wird in der akademischen Laufbahn nicht die Erfüllung finden. „Den Erwerb einer PhD- oder Postdoc-Qualifikation muss man auch als Phase einer Ausbildung sehen, die für weitere sehr interessante Aufgaben in Wissenschaft oder Wirtschaft befähigt“, so Lang. Außerdem bräuchte es auch eine gehörige Portion Sitzfleisch und Durchhaltevermögen, wie Miriam meint. „Wenn ich mich 6 Jahre lang mit einem Thema beschäftige, muss ich mich immer wieder selbst motivieren können.“

Alle, die eine Karriere in der Forschung anstreben, werden viel Neues entdecken, sich mit anderen Masterminds des eigenen Fachgebiets austauschen und die Welt sehen. Man ist an der cutting edge des Wissens und trägt selbst maßgeblich dazu bei, es weiterzuentwickeln. Vizerektor Lang fasst zusammen: „Ich finde es beglückend, wenn man selbst zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen gelangt ist, und als äußerst befriedigend, Studierenden dann diese oder andere Einsichten zu vermitteln. Für mich ist Wissenschaftler der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann.“

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte arbeitet seit acht Jahren für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin des Blogs beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

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