Care Arbeit – oder: Was arbeitet Schneewittchen eigentlich?

…“Willst du unseren Haushalt führen, kochen, Betten machen, waschen, nähen und stricken und willst du alles ordentlich und rein halten, so kannst du bei uns bleiben und es soll dir an nichts fehlen.“ Das versprach Schneewittchen und blieb bei ihnen. Es hielt das Haus in Ordnung. Morgens gingen die Zwerge in die Berge und suchten nach Erz und Gold, abends kamen sie wieder und da musste ihr Essen zubereitet sein…

Bild: ©iStock/nicescene

Wenn wir die Passage des Märchens „Schneewittchen“ der Gebrüder Grimm auf uns wirken lassen, bekommen wir ein Gespür für Arbeit. Doch halt – wer arbeitet? Die Zwerge, die außer Haus das Einkommen in Form von Erz und Gold sichern? Oder Schneewittchen, das sich den lieben langen Tag um den Haushalt kümmert? Natürlich arbeiten beide! Auch wenn die eine Arbeit mit Einkommen verbunden ist und die andere nicht.

Pflegen, Erziehen, Haushalt führen

Der Begriff der „Care Arbeit“ hat sich in den 1990er Jahren aus der feministischen Ökonomie entwickelt, er beinhaltet alle Aspekte des Pflegens und Sich-Kümmerns. „Care Arbeit ist plakativ gesagt das, was man früher unter Hausfrauenarbeit verstanden hat: Putzen, Kinder und Großeltern betreuen und sich um den Haushalt kümmern.“, erklärt Katharina Mader, Department für Volkswirtschaft der WU. „Diese Tätigkeiten sind für die Wirtschaft von immenser Bedeutung, genaugenommen sind sie der Erwerbstätigkeit vorgelagert. Denn ist die Wäsche nicht sauber, dann kann man auch nicht zur Arbeit gehen.“

Der Großteil der Care Arbeit erfolgt unbezahlt – der ungefähre Wert dieser Arbeit entspräche laut Mader etwa einem Drittel des Sozialprodukts westlicher Gesellschaften. Allerdings werden gewisse Aspekte der Care Arbeit zunehmend ausgelagert und bekommen somit auch einen messbaren Wert. Mader: „Putzen kann eine Haushaltshilfe übernehmen, die Kinderaufsicht ein/e Babysitter/innen und die Betreuung der Großeltern ein/e Pfleger/in. Gerade seit den 60er Jahren haben sich hier viele neue Arbeitsplätze entwickelt – allerdings sind das in der Regel Frauenarbeitsplätze.“

Hausfrauenarbeit?

Und da sind wir auch schon beim Stichwort angelangt: Care Arbeit ist, wie es schon der Terminus „Hausfrauenarbeit“ vermuten lässt, mit Frauen verknüpft. „Aktuelle Forschungen bestätigen, dass zwei Drittel der Care Arbeiten nach wie vor Frauen übernehmen. Und selbst wenn ein Teil z.B. an Haushaltshilfen ausgelagert wird, fühlt sich die Frau für deren Organisation verantwortlich.“, so Katharina Mader.

Gründe für diese Rollenaufteilung sind wahrscheinlich in unserer Sozialisierung zu finden. Katharina Mader: „Viele Frauen haben tief in ihrem Inneren ein Selbstverständnis, das Care Arbeiten in ihren Verantwortungsbereich fallen. Denken wir doch an unsere Kindheit: Mädchen werden oft als fürsorglich und einfühlsam erzogen, wohingegen Buben nicht mit Puppen spielen sollten. Das wirkt sich natürlich auf unser Rollenbild aus.“

Es geht sich nicht alles aus!

Dass Frauen zuständig für Care Arbeiten sind, hat durchgängig Auswirkungen auf ihre Erwerbskarriere – das kann von Karenzen über Teilzeitarbeiten bis hin zur vollständigen Aufgabe der Arbeit reichen. Laut einer Erhebung der Statistik Austria waren im Jahr 2015 47 Prozent der erwerbstätigen Frauen in einem Teilzeit-Dienstverhältnis, bei den Männern waren es knapp 10 Prozent.

„Kinder im Vorschulalter, eine pflegebedürftige Mutter und ein Vollzeitjob – es geht sich zeitlich einfach nicht alles aus.“, betont Katharina Mader. „Und in einer Gesellschaft, in der ich will, dass es allen gut geht, muss Platz für Care Arbeiten sein. Kinder wachsen nun einmal nicht von alleine auf, und im Alter werden wir selbst auch einmal pflegebedürftig und somit abhängig werden.“

Vorschläge?

Welche Lösungen gibt es also? Außer, dass wie im Märchen von den Gebrüdern Grimm Schneewittchen allein die Haushaltverantwortung übernimmt, während die Zwerge das Geld verdienen?

Katharina Mader gibt Einblick in die aktuelle Forschung und stellt fünf Szenarien vor:

  • Erstens: Die Care Arbeit wird einfach nicht mehr gemacht. Katharina Mader: „Unrealistisch! Wir brauchen die Tätigkeiten, damit unsere Wirtschaft funktioniert. Und Care Arbeiten hören auch nie auf – das sind keine Projekte, die abgeschlossen werden. Wir alle kennen das: Kaum ist man mit dem Staubsaugen fertig, kommt schon wieder jemand mit schmutzigen Schuhen in die Wohnung…“
  • Zweitens: Die Care Arbeit übernimmt der Markt und sie wird in rein bezahlte Arbeit umgewandelt. Katharina Mader: „Schwierig. Gerade, wo es um Beziehungsarbeit geht, also Kindererziehung, Betreuung der Eltern etc., ist eine komplette Auslagerung faktisch nicht realisierbar. Abgesehen davon schwingt hier die latente Gefahr mit, dass wieder Frauen diese Arbeiten schlecht bezahlt und kaum abgesichert übernehmen. Man denke nur an Putzfrauen, etc…“
  • Drittens: Die Care Arbeit übernimmt der Staat. Katharina Mader: „Auch das ist ein eher theoretisches Konstrukt in Zeiten, in denen stark gekürzt wird. Und gerade der Care Bereich ist häufig von Kürzungen betroffen, der Outcome ist schlecht messbar.“
  • Viertens: Es kommt zu einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung. Katharina Mader: „Ich als Volkswirtin erlaube mir solche Forderungen zu stellen. In einigen nordischen Ländern ist eine 32-Stunden Arbeitswoche etwas ganz Normales. Das würde übrigens nicht bedeuten, dass wir nun alle Kinder bekommen müssen. Nein: Dann haben wir ein politisches Leben oder auch Freizeit oder wir unterstützen eine andere Familie bei deren Care Arbeiten.“
  • Fünftens: Frauen und Männer sollen in heterosexuellen Haushalten die Care Arbeiten besser aufteilen. Katharina Mader: „In der feministischen Ökonomie geht es letztendlich um Geschlechtergleichheit. Es soll ein Bewusstsein für die Bedeutung von Care Arbeiten entstehen.“

Gleiches Recht für alle

Dieser fünfte Punkt ist wohl jener, der spontan am leichtesten und schnellsten umzusetzen ist – und zwar von jedem und jeder von uns. Katharina Mader: „Ja, Care Arbeiten können das Erwerbsleben erschweren, aber auch ungemein bereichernd sein. Es ist schön, wenn man sich um sein Kind kümmert oder seine Eltern pflegt. Und auch wenn wir aus unserem Rollenverständnis vor allem Frauen mit Care Arbeiten in Verbindung bringen, geht sie Männer genauso etwas an.“ In einer Neuauflage von Schneewittchen könnten also die Zwerge kochen, Schneewittchen sucht nach Gold und die restlichen Haushaltstätigkeiten werden gerecht zwischen allen Beteiligten aufgeteilt…

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte Kuchenbecker

Als WU-Absolventin sind die Bande zum Career Center eigentlich schnell erklärt. Eigentlich. Denn bevor Brigitte Kuchenbecker Mitte 2011 endgültig zum ZBP Team kam, war sie langjährig beim Alumnidachverband der BOKU tätig und in ständigem Kontakt und Austausch mit dem ZBP. Während des Studiums sammelte die gebürtige Wienerin und nun Wahl-Niederösterreicherin Erfahrungen in einer PR- sowie in einer Beratungsagentur. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre vertiefte sie ihre Spezialkenntnisse des Personalmanagements am bereits erwähnten Alumnidachverband der BOKU und in einem Executive Search Unternehmen. Im ZBP vereint sie nun ihr gesammeltes Wissen und agiert als Informations-Schnittstelle zwischen Career Center, Universität, Studierenden und Absolvent/inn/en sowie Unternehmen und Presse. Neben den Web 2.0 Aktivitäten sind die Chefredaktion des Karrieremagazins und die Projektleitung der Messezeitung der Career Calling wesentliche Aufgaben.

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