(in Anlehnung an die Anekdote „zur Senkung der Arbeitsmoral“ von Heinrich Böll)
In einem Hafen in Süditalien liegt ein ärmlich gekleideter Fischer in seinem Boot und schläft, seine rote Fischermütze ins Gesicht gezogen. Ein wohlhabendes Touristenehepaar schlendert durch den Hafen, entdeckt den Mann und macht ein paar Fotos von der Idylle.
Durch die Gespräche und das Geräusch der Kamera wacht der Fischer auf. Das Paar spricht – ein wenig verlegen – den Fischer an:
„Sie werden heute einen guten Fang machen."
Kopfschütteln des Fischers.
„Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter günstig ist."
Kopfnicken des Fischers.
„Sie werden also nicht ausfahren?"
Kopfschütteln des Fischers.
Das Ehepaar ist irritiert: „Oh, Sie fühlen sich nicht wohl?"
Der Fischer antwortet, nachdem er das Paar lange angesehen hat: „Ich fühle mich großartig. Ich habe mich nie besser gefühlt."
„Aber warum fahren Sie dann nicht aus?"
„Weil ich heute Morgen schon ausgefahren bin."
"War der Fang gut?"
„Er war so gut, dass ich nicht noch einmal auszufahren brauche. Ich habe 4 Hummer in meinen Körben gehabt, fast 2 Dutzend Makrelen gefangen ... Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug."
Das Paar zögert: „Aber stellen Sie sich vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar ein viertes Mal aus und Sie würden 3, 4, 5, vielleicht gar 10 Dutzend Makrelen fangen ...“
Kopfnicken des Fischers.
„Sie würden nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag 2-, 3-mal, vielleicht 4-mal ausfahren – wissen Sie, was geschehen würde?"
Kopfschütteln des Fischers.
„Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in 2 Jahren einen kleinen Kutter haben; damit würden Sie natürlich viel mehr fangen – eines Tages würden Sie auch ein kleines Kühlhaus bauen können, später eine Konservenfabrik; Sie würden mit einem eigenen Hubschrauber die Fischschwärme von der Luft aus erkennen und Ihren Kuttern per Funk Anweisung geben können. Sie könnten ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren – und dann ..."
„Was dann?", fragt der Fischer leise.
„Dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken."
„Aber das tue ich doch jetzt", sagt der Fischer.