„Eigentlich habe ich keinen Lieblingsplatz am Campus. Es gibt viel zu viele tolle Plätze“, vertraut uns WU­-Rektorin Edeltraud Hanappi­-Egger schmunzelnd an. Wir sitzen an einem Besprechungstisch in ihrem Büro – mit Blick auf das EXAC­-Gebäude und den Westeingang. Es ist wie immer busy am Campus, zahlreiche Studierende strömen zu ihren Lehrveranstaltungen. „Die WU und ihre Angehörigen sind kraft­ und energievoll. Das ist einer meiner treibenden Motoren“, betont die Rektorin der WU. Eine Energie, die man allein in diesem Raum deutlich spürt. Es wird ein Gespräch über das Sammeln von Erfahrung, über Erwartungen an Studierende und über Zukunftspläne für die WU.

Auslandssemester, ein bis drei tolle Praktika und natürlich gute Leistungen im Studium: Glauben Sie, dass der Druck für Studierende, perfekt zu sein, heute stärker ist als noch vor 10 bis 20 Jahren?

Ich würde es nicht unbedingt als „Druck, perfekt zu sein“ bezeichnen. Aber es gibt natürlich die Vorstellung, dass Studierende während der Ausbildung viel geleistet haben sollten. In Zeiten steigender Studierendenzahlen und globalen Wettbewerbs hat sich die Konkurrenzsituation quantitativ und qualitativ geändert. Immer wenn vermehrter Wettbewerb auftritt, werden natürlich auch die Leistungsansprüche erhöht und der Druck wird größer. Ich höre von Studierenden immer wieder, sie hätten das Gefühl, „Wunderwuzzis“ sein zu müssen.

Welche Erwartungen haben Sie als Rektorin an Studierende?

Wir sind eine öffentliche Universität, das WU-­Studium wird aus öffentlichen Geldern finanziert. Von unseren Studierenden erwarte ich mir daher eine gewisse Sorgfalt im Umgang mit diesem öffentlichen Gut. Ich erwarte mir das Commitment, tatsächlich zu studieren und dabei die nötige Ernsthaftigkeit an den Tag zu legen. Und ich möchte, dass Studierende die Zeit an der WU als sehr interessante Lebensphase erkennen. Man soll sich aus seinem Studium viel mitnehmen, verbringt man doch mehrere Jahre seines Lebens an der WU.

Welche Möglichkeiten bietet die WU zum Sammeln von Erfahrungen? Auch abseits des Lehrplans?

Von internationalen Beziehungen bis hin zu Social-­Skills-Angeboten so einiges. Ich kann Sprachen lernen, aufs Sommerfest kommen, an der Summer University internationale Studierende kennenlernen, mit dem Gründungszentrum in Kontakt treten oder mich an der ÖH engagieren. Als Universität wollen wir auch immer einen kritischen Diskurs bieten. Wir haben viele Diskussionsveranstaltungen, zu denen Studierende kommen können. Man befindet sich hier auf universitärem Boden in einem geschützten Bereich und kann sich auch anderen, neuen Situationen aussetzen.

Was sind Ihre Pläne für die WU 2035?

Die WU steht heute an einer ganz wichtigen Wegscheide. In den letzten Jahren haben uns viele kleine Schritte geholfen – jetzt geht es darum, einen Sprung zu machen, und zwar dahingehend, dass wir eine der attraktivsten europäischen Wirtschaftsuniversitäten werden. Wir wollen in einer Liga mit einer Copenhagen Business School, ESADE, LSE oder St. Gallen mitspielen. Und wir wollen uns noch stärker darauf besinnen, was eine Universität ausmacht – nämlich Forschung und universitäre Lehre. Ich möchte nicht, dass wir uns 2035 noch mit Basics, die zum Allgemeinwissen gehören, beschäftigen müssen. Es wird in den nächsten Jahren auch sehr stark darum gehen, wie wir die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen. Daher wird es ab nächstem Jahr ein neues Vizerektorat für Infrastruktur und Digitalisierung geben.

Zu Ihnen: IT-Studium, Gender Studies, WU-Rektorat – Wie kam es zu den jeweligen Schritten?

Wie so oft im Leben hat auch bei mir der Zufall eine Rolle gespielt. Ich war bereits in der Schule sehr an Mathematik interessiert und gehörte zu jener Generation, die erstmals EDV als Freifach wählen konnte. EDV hat damals zufällig unser Mathematiklehrer unterrichtet, und ich hatte den Eindruck: EDV ist angewandte Mathematik. Mein Informatikstudium an der TU Wien habe ich dann mit großem Engagement verfolgt und mich in weiterer Folge inhaltlich auf Software­Entwicklungsprojekte und Workflow­Management­Systeme konzentriert. Für mich war immer klar: Wenn man ein Informatiktool entwickelt, muss man die jeweiligen Organisationsprozesse berücksichtigen. Bei meinem ersten großen Forschungsprojekt zur Planung von Operationsterminen habe ich dann sehr interessante Genderphänomene bemerkt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nur OP­-Schwestern, aber keine OP­-Brüder gibt und dass es bei Aufgaben und Machtverhältnissen eine Geschlechterhierarchie gibt. Meine Frage als Informatikerin war dann: Wenn ich das so abbilde, ist es dann wirklich ein gutes Softwaresystem oder reproduziere ich nur die gewachsenen Organisationsverhältnisse? Aus dem Anspruch, gute und brauchbare Systeme zu entwickeln, ergab sich schließlich die Überlegung, wie mit Organisationsverhältnissen umgegangen werden soll, die nicht geschlechtsneutral sind. Die Forschungsarbeiten im Bereich Technik und Organisationen, die auch interessante Gender­ und Diversitätsfragen inkludiert haben, waren dann wohl der Grund, warum ich 2002 an die WU berufen wurde.

Und der Schritt ins Rekotrat?

Universität und Selbstverwaltung waren immer schon ein wichtiger Bestandteil meines Berufsverständnisses, das heißt, ich habe immer auch viele Funktionen ausgeübt. So habe ich mich, als sich die Möglichkeit bot, dann auch entschieden, von der Mitwirkung in der Selbstverantwortung in die Hauptverantwortung zu wechseln.

Was ist das Schönste an der Tätigkeit als Rektorin?

Es bereitet mir sehr viel Freude, die WU in die nächste Liga zu führen – und zwar aus der Überzeugung heraus, dass diese Universität das Potenzial dazu hat. Das hat sich zum Beispiel auch bei der Einführung des englischen Bachelorstudiums gezeigt. Die WU und ihre Angehörigen haben eine immense Kraft und Energie. Das ist einer meiner treibenden Motoren.

Was ist die größte Herausforderung?

Der Umgang mit den Medien ist nicht immer einfach. Es entstehen zwar schnell negative Schlagzeilen, die Stärken und Leistungen der WU, z. B. tolle Forschungsergebnisse, in die Medien zu bekommen ist hingegen sehr herausfordernd.

Welchen Tipp geben Sie WU-Studierenden und jungen Absolvent/innen für den Berufseinstieg?

Die WU qualifiziert sehr breit und für viele unterschiedliche Bereiche. Das bringt allerdings auch die Qual der Wahl mit sich. Daher empfehle ich: Nutzt das WU ZBP Career Center, um schon während des Studiums die eigenen Stärken und Interessen zu erkennen. Das wird so manche Entscheidung erleichtern.

Danke für das Interview!

Fotos: Cochic Photography

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte arbeitet seit acht Jahren für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin des Blogs beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

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