Ohne die Unsicherheit wären wir nur noch Roboter

Ohne die Unsicherheit wären wir nur noch Roboter

Bild: Cochic Photography

Ein riesiges Plakat mit dem Namen „Megatrend Map“ schmückt die sonst kahle türkisfarbene Wand. Darauf stehen Begriffe wie „New Work“, „Neo-Ökologie“ und „Silver Society“. Wir befinden uns im Zukunftsinstitut am Rudolfsplatz im ersten Bezirk Wiens und treffen dessen Geschäftsführer Harry Gatterer. Der Trend- und Zukunftsforscher beschäftigt sich mit dem gesellschaftlichen Wandel und den Auswirkungen auf die Wirtschaft und Unternehmen.

Herr Gatterer, was raten Sie Studierenden, die in ein paar Jahren mit dem Studium abschließen?

Wir befinden uns in einer Welt, in der die Karrierewege nicht mehr vorgeschrieben sind. Gleichzeitig gibt es hohe Erwartungen: Von der Gesellschaft, der Universität, vom Arbeitgeber. Ich empfehle jungen Menschen, sich zu überlegen: Wie kann ich in diesem Leben SELBSTWIRKSAM sein? Wie kann ich authentisch sein und bleiben? Was hat das, was ich gerade studiere, eigentlich mit mir zu tun? Es heißt immer, wir brauchen mehr Informatiker/innen und Digital Scientists, doch am Ende brauchen wir diese nur dann, wenn das auch selbstwirksame Menschen sind. Das zweite, was ich raten möchte, ist GO WITH THE FLOW: Bleibe dort, wo es für dich interessant ist, wo du Energie spürst. Dies kann auch eine anstrengende Arbeit oder Tätigkeit sein, solange du das Gefühl hast, dass es das wert ist. Und schließlich: Junge Menschen sehnen sich oft nach Sicherheit. Dabei ist UNSICHERHEIT ein wesentlicher und wichtiger Teil unseres Lebens! Das müssen wir akzeptieren. In ihr steckt ein Potenzial für eine positive Veränderung. Nur wer unsicher ist, ist aufmerksam, ist lernbereit. Wenn alles sicher wäre, hieße das ja, das Leben sei schon vorgeschrieben und wir wären nur noch Roboter, die ausführen, was vorbestimmt ist.

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Arbeitswelt?

Digitalisierung per se gibt es für mich nicht, das ist einfach nur ein Wort. Es gibt einen technologischen Fortschritt, doch der hat nicht nur in den letzten fünf Jahren stattgefunden. Wir haben nur neue Tools in die Hand bekommen, um diesen Fortschritt zu spüren, wie Smartphones. Der entscheidende Megatrend ist die Konnektivität, also die Vernetzung mit allem und allen. In der „real-digitalen Welt“ von heute gibt es keinen Unterschied mehr zwischen online und offline, zwischen Technologie und Mensch. Die Herausforderung für die Wirtschaft ist nicht, mit den Technologien Schritt zu halten, sondern die REAL-DIGITALE WELT zu begreifen und das Denken daran anzupassen. Ein Unternehmen, das davon spricht, eine Digitalisierungsstrategie in der Schublade zu haben, hat es offensichtlich nicht verstanden, dass das kein strategisches Thema ist, sondern schon längst Realität.

Sehen Sie Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und bei den gesuchten Positionen in den nächsten Jahren?

Die Diskussion, welche Jobs es noch geben wird und welche nicht, finde ich überflüssig, weil man es einfach nicht weiß. Es wird sicherlich Verschiebungen geben und die Technologie wird Einfluss auf die Berufe nehmen, die wir schon kennen. Es wird auch ganz neue Berufe geben, die wir uns noch nicht vorstellen können. Unternehmen werden jedenfalls ihr Mindset an die neue Realität anpassen müssen und sich umorganisieren. Es geht nicht um die Technologie, es geht um die Unternehmenskultur. Das beginnt schon dabei, sich von „Job Descriptions“ zu lösen. Man sollte sich als Unternehmen vielmehr ansehen, wie man mit der Person und ihren Fähigkeiten, in Kombination mit Technologie und der Kommunikation mit anderen.

 

Was glauben Sie, wird sich künftig bei den Arbeitsformen ändern?

In den USA gibt es den Begriff der „Gig Economy“, da kommen Personen wie bei einem Gig für ein Projekt zusammen und danach geht es wieder auseinander. So sehr man sich eine solche Öffnung wünschen würde, so etwas wird nicht von heute auf morgen passieren. Ich sehe eine Tendenz in Richtung einer frei gestaltbaren Arbeitswelt, aber wir leben in einem System von Arbeitgebern und Arbeitnehmer/innen mit Versicherungssystemen etc., und das ist gesetzlich festgeschrieben. Es gibt Gründe, warum der Status Quo beibehalten wird, und zwar auf drei Seiten: Für Arbeitgeber ist das System mit der Idee verknüpft, die Kontrolle zu behalten, für Arbeitnehmer/innen bedeutet eine Anstellung Sicherheit und die Politik sieht Veränderungen immer als schwierig an. Es braucht deshalb viele Anstrengungen und neue Mischformen werden nur langsam kommen. Der momentane wirtschaftliche Erfolg zwingt uns ja auch nicht, das System zu ändern.

In einer Podiumsdiskussion an der WU zum Thema “Digitalisierung und die Zukunft der Arbeitswelt” war davon die Rede, dass sich die Arbeit immer mehr verdichtet, was zu ausgebrannten Personen führt. Wie lässt sich das aufhalten?

Es geht in Zukunft darum zu verstehen, was das richtige Timing ist. Wo ist Geschwindigkeit wirklich relevant? Wo wird sie nur vorgeschoben, ist aber eigentlich gar nicht so wichtig? Vor allem bei Entscheidungsprozessen macht es Sinn, sich nicht dem Mantra von „alles muss schnell gehen“ zu unterwerfen, sondern länger über die Entscheidung nachzudenken. Das Ausbrennen kommt aber nicht von der Geschwindigkeit. Das Problem ist die Kongruenz: Wir arbeiten den ganzen Tag, aber wir haben das Bild für das große Ganze verloren und wissen nicht, was eigentlich die eigene Rolle dabei ist. Das laugt uns aus. Was wir Menschen dringend brauchen, ist Aufmerksamkeit für uns selbst und Innehalten. Wenn man beispielsweise als Team an etwas wochenlang gearbeitet hat, dann sollte man sich die Zeit nehmen, sich das Resultat zu vergegenwärtigen und auch zu feiern.

Danke für das Gespräch!

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte arbeitet seit sechs Jahre für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin von UP! beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

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Von | 2018-06-12T17:12:56+00:00 15. Januar 2018|Special: Zukunft der Arbeit|0 Kommentare

Über den Autor:

Brigitte Kuchenbecker
Brigitte arbeitet seit sechs Jahre für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin von UP! beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

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