Zwischen Sorge und Zuversicht

Zwischen Sorge und Zuversicht

Bild: Cochic Photography

Sarah Beran und Vincenzo Köstler studieren beide an der WU, sie im Master VWL, er im Bachelor WiSo. Wir haben sie gefragt, was sie sich von ihrer Zukunft erwarten.

23.800 Studierende sind derzeit an der WU in drei Bachelor- und 15 Masterprogrammen eingeschrieben. Sarah Beran und Vincenzo Köstler sind zwei davon. Köstler ist aus Graz nach Wien gekommen, um BWL zu studieren. Gerade befindet sich der 21-Jährige im fünften Semester und arbeitet nebenher selbständig als Marketing-Manager, um sein Studium zu finanzieren. Beran, 27, studiert im Master VWL, ist ursprünglich aus Augsburg und ausgebildete Hotelfachfrau. Ein klares Berufsziel hat sie noch nicht. „Es könnte die Nationalbank sein, es könnte die Politik sein, es könnten Gewerkschaften sein, solange ich das Gefühl habe, dass ich das, was ich studiert habe, auch anwenden kann.“ Köstler möchte in die Unternehmensberatung gehen, genauer gesagt in die Management-Beratung. „Seit ich 16 bin, hab‘ ich dieses Ziel. Mein Lebenslauf ist zwar gerade bisschen Marketing-lastig, jetzt muss ich mich mehr Richtung Consulting bewegen.“ Dafür möchte er versuchen, passende Praktika zu machen und sich im Studium auf Change Management zu spezialisieren. Am liebsten würde er sich nach ein paar Jahren Berufstätigkeit selbständig machen.

20 oder 80 Stunden-Woche?

Sarah Beran meint weiter: „Egal wo ich lande – Privatleben und Arbeit sollten sich gut vereinbaren lassen. Mein Traum wäre es, dass ich 20 bis 30 Stunden arbeite und davon auch gut leben kann. Ich möchte am Ende des Lebens nicht feststellen, dass ich nur gearbeitet und so viel vom Leben verpasst habe.“ Später fügt sie noch an: „Vielleicht kann es phasenweise nicht so klappen mit der Work-Life-Balance. Es kommt aber darauf an, dass 80-Stunden-Wochen nicht dein Leben lang gehen, dass es nach einer intensiven Zeit wieder eine lockere gibt und man auch ein Ergebnis sieht.“ Sie sieht Selbstausbeutung als eine Gefahr „unserer Zeit“ und gibt zu, selbst schon viele unbezahlte Überstunden gemacht zu haben, weil ihr der Inhalt der Arbeit wichtig war. Vincenzo Köstler kann mit 80-Stunden-Wochen leben, „wenn ich überzeugt dabei bin. Dann ist der Beruf das Leben, aber da hab’ ich jetzt kein Problem damit. Ich bin halt eher so ein Arbeitsmensch, wenn ich für was brenne, dann sitze ich auch die ganze Nacht dran.“

Karriere machen altmodisch!

Gibt es den Wunsch „Karriere zu machen“? „Karriere machen klingt altmodisch“, meint Beran. „Wichtig ist, dass man sich selbst verwirklichen kann, ernst genommen wird und sich durchsetzen kann. Dass man eigene Projekte umsetzen kann und einen eigenen Handlungsspielraum bekommt in dem, was man machen möchte.“ Sie glaubt nicht, dass sie ihr Leben lang im gleichen Job bleiben wird. Köstler meint: „Klar ist es gut, Geld zu haben, so dass man leben kann, ohne sich Sorgen machen zu müssen. Mein Ziel ist aber nicht, das große Geld zu verdienen, sondern dass ich mache, was mir Spaß macht.“ Bei der Wahl des künftigen Arbeitgebers legt er Wert darauf, „dass ich mich wirklich mit dem Handeln und den Zielen des Unternehmens assoziieren kann. Wenn ich mit dem Unternehmen nicht 100% gleicher Meinung bin, kann ich nicht mit Überzeugung dort arbeiten.“

Ein gefürchtetes Thema…

Zunächst gilt es für beide erstmal das Studium zu absolvieren und sich zu bewerben. Über die Zeit danach wird bei Beran und ihren Kommiliton/innen viel gesprochen. „Das ist auf jeden Fall das am meisten gefürchtete Thema im Master“, so Beran. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns das Studium mit der Gewissheit abschließt, mit dem Mastertitel gleich einen fixen Arbeitsplatz zu bekommen. Es ist eine Unsicherheit da. Als ich noch in der Schule war, mit 17, 18 Jahren, las ich immer wieder Artikel, in denen es hieß: ‚Unsere Generation kann den ganzen neuen Arbeitsmarkt bestimmen, wir sind so gut ausgebildet wie keine Generation vor uns, wir können die Bedingungen diktieren usw. Dann kam das Studium und der erste Blick auf den Arbeitsmarkt und ich habe das Gefühl, dass dieses Versprechen, das uns gegeben wurde, sich nicht hält.“

…ein schmaler Grat

Wie kann der Berufseinstieg gelingen? HR-Verantwortliche empfehlen Studierenden, sich als „Marke“ zu präsentieren und sich früh ein Netzwerk aufzubauen. Köstler pflichtet dem bei: „In Österreich ist Networking wichtiger als jedes Bewerbungsschreiben. Klar muss man sich bewerben, aber ob eine Bewerbung auf dem Schreibtisch landet oder auf dem Haufen mit allen anderen Bewerbungen ist ein Unterschied. Ich gebe mir deswegen schon jetzt die Mühe, dass ich möglichst viele Kontakte aufbaue. Dieses Selbstpräsentieren und -verkaufen, da tue ich mir aber ein bisschen schwer damit. Ich finde, es ist ein schmaler Grat zwischen überzeugen und eingebildet wirken im Bewerbungsgespräch.“ „Es ist halt ein Wettbewerbsvorteil für diejenigen, die eh immer die großen Schwätzer sind“, so Beran. Zum Thema Netzwerken meint sie: „Also ich hab’ ein großes Netzwerk und einige Stellen darüber bekommen, zum Beispiel in der Gastronomie. Aber ich finde es furchtbar, wenn Stellen nicht mehr ausgeschrieben sondern nur übers Netzwerk vergeben werden. So erfahre ich nicht von Stellen, die mich bestimmt interessieren würden und habe keine Chance, mich darauf zu bewerben.“

 

Gespannte Erwartungen

Wie der Arbeitsmarkt in zwei bis fünf Jahren aussieht, wenn der Abschluss in der Tasche ist, kann niemand mit Sicherheit beantworten. Köstler kommt zu der Prognose: „Es wird mehr Stellen, aber auch mehr Bewerber/innen geben. Da wird sich nicht viel zum Positiven verändern. Ich bin ja sonst eher optimistisch, aber realistisch, was das angeht.“ Beran meint: „Die Wirtschaft geht bergauf und es wird mehr qualifizierte Stellen geben, während die Zahl der Akademiker/innen sich nicht so enorm verändert. Die Frage ist: Wer hat mehr Marktmacht? Sage ich, ich
versetze IT und Produktion irgendwo hin oder lasse ich sie im Land, weil ich hier die ausgebildeten Studis hab? Ich glaub’ das wird noch eine große Entscheidung der Politik, wie die das händeln. Ob wir einen Job haben oder nicht, liegt dann schon in ihren Händen.“ Mit welchem Gefühl blicken die beiden nun in die Zukunft? „Neugier, ich bin sehr gespannt auf das, was da auf uns zukommt, aber auf der anderen Seite schon auch in Sorge: Schaff ich das? Hab’ ich die Qualifikationen erlangt, die ich brauche? Taugt das was, was ich studiert habe? Habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen?“ fragt sich Beran.

Der Druck wächst

„Also die Angst, dass ich das falsche Studium gewählt habe, habe ich jetzt nicht. Ich habe eher Sorge, dass ich zu viele Fehler im Studium gemacht habe, dass ich dadurch unnötig Zeit verloren habe.“ Es nagt an Köstler, dass er sein Bachelorstudium in acht statt sechs Semestern abschließen wird. Anders war es mit der Arbeit nicht vereinbar. „Der Druck wächst, man hört immer ‚Das geht überhaupt nicht, du brauchst einen Einser-Schnitt und sechs Semester und nebenbei fünf Praktika‘.“ Er versucht aber, positiv zu bleiben: „Also eigentlich freu’ ich mich auf später, weil ich dann andere Möglichkeiten haben werde als jetzt. Die Sorgen, dass es nicht so läuft wie man sich das vorstellt, hat man theoretisch immer, aber das hindert einen auch, man wird zögerlich und geht dann gewisse Schritte nicht.“

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte arbeitet seit sechs Jahre für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin von UP! beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

More Posts - Website

Von |2018-06-21T09:13:58+00:0015. Januar 2018|Special: Zukunft der Arbeit|0 Kommentare

Über den Autor:

Brigitte Kuchenbecker
Brigitte arbeitet seit sechs Jahre für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin von UP! beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

fünf × 3 =