Bild: © Tristan Horx

Blick auf die Alpen, via Skype-Call versteht sich. „Ich bin hier in einem sehr inspirativen Umfeld. Hier bekomme ich den Weitblick für mein nächstes Buch.“ Zukunftsforscher Tristan Horx ist viel beschäftigt – in Zeiten, in denen kein Stein auf dem anderen bleibt, mehr denn je. Versuchen wir dennoch einen Blick in die Zukunft zu werfen. Es wird ein Gespräch über Wandel, krustige Unternehmen und den „need“ für ein gesundes Ego.

2020 war herausfordernd. Mit der US-Wahl, dem BREXIT und allem voran der COVID-Pandemie gab es viele Phasen der Unsicherheit, in denen man nicht wusste, welche Konsequenzen auf eine/n zukommen werden …

Wir erleben gerade im großen Stil den endgültigen Übergang vom Industriezeitalter zum digitalen, kreativen Zeitalter. Beschleunigt durch Corona werden wir jetzt in den Wandel gezwungen. Und das tut halt weh. Ganz viel von unserer Logik ist auch noch im 20. Jahrhundert hängengeblieben – wir haben unsere Strukturen, Institutionen und Legislaturen noch nicht an das 21. Jahrhundert angepasst. Deshalb gibt es viele Krisen. Deshalb fühlt es sich so an, als ob alles „brennt“.

Ist diese „Umbruchsstimmung“ geschichtlich gesehen neu? 

Nein, das ist ein kulturell wiederkehrendes Muster. Das dürfte es sogar bei der „Erfindung“ des Feuers gegeben haben, obwohl wir darüber nur wenig Aufzeichnungen haben (lacht). Es kommt eine neue Technologie oder Kulturform, die sehr produktiv ist und zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt. Und dann kommt zuerst die Verweigerung, schließlich die Übertreibung. Auch als wir aus dem Agrarzeitalter rausgerutscht sind, haben sich die Menschen aufgeregt, dass es dort viel schöner war und man mehr Kontrolle über das eigene Dasein hatte.

Wie kann man mit den vielen Veränderungen, die aktuell auf uns zukommen, am besten umgehen?

Das ist immer die Frage, wie vorbereitet man ist. Wenn man selbst flexibel und agil ist, dann ist Wandel grundsätzlich etwas Positives. Problematisch wird es, wenn man total festgefahren auf einer Sache, z. B. einem Jobfeld, beharrt. Wenn alles unsicher ist, ist die Suche nach Sicherheit ein Fehler.

Puh, aber die meisten Menschen suchen doch in irgendeiner Weise nach Sicherheit …

Ja, aber in Zeiten der Veränderung wird es diese Sicherheit nicht geben – es ist Zeitverschwendung, wenn man sie die ganze Zeit sucht. Jetzt ist die Zeit des Wandels. Danach kommt wieder die Zeit, wo die Parameter und die Regeln klar sind. Also besser: „Go with to flow“, um sich danach wieder in Sicherheit wiegen zu können, als jetzt etwas zu jagen, das man nicht bekommen wird.

Welche Prognosen haben Sie für den Arbeitsmarkt und die Unternehmenslandschaft in den kommenden Jahren?

Durch den Lockdown und die Fördergelder ist eine Art „Zombifizierung“ am Markt passiert: Es werden Unternehmen, die gar nicht zukunftsfit sind, zombiehaft am Leben erhalten. Diese werden im Laufe der nächsten Jahre anfangen, zu zerbröseln – es werden ziemlich viele Insolvenzfälle auf uns zukommen. Daraus wird sich dann aber eine Zeit ergeben, in der sich viele neue, innovative Unternehmen gründen. Und auch die alten, krustigen Unternehmen, die überlebt haben, werden einen Wandel durchleben. Denn natürlich ist Digitalität das, was im Zentrum des Arbeitsmarkts der Zukunft stehen wird. Und wenn man dann als junge/r, digital ausgebildete/r Bachelor/Master auf den Arbeitsmarkt kommt, hat man genau das, was die Unternehmen wollen …

Was genau bringen Bachelor- und Master-Absolvent/innen für den Arbeitsmarkt mit?

Ich würde die Skills vor allem am Mindset, der inhärenten Digitalität und den Werten, mit denen diese Generation aufgewachsen ist, festmachen. Die ganze Start-up-Kultur zeigt ja auch von einem starken Innovationsdrang und Motivation.

Wie wird sich das digitale Zeitalter auf die Arbeitsbedingungen auswirken?  

Die klare Trennung von Arbeits- und Lebenszeit gibt es in der agilen Arbeitswelt nicht mehr – Work-Life-Balance ist tot, der Gedanke des Work-Life-Blending ist relevant wie nie. Zwar hat man bei der Generation Z, also der jüngsten Generation, gesehen, dass sie wieder eine klare Tendenz zur Trennung zwischen Arbeit und Leben hatten, aber das war meiner Meinung nach nur eine Frustreaktion. Wenn man so schrottig bezahlt wird, wie es in der heutigen Wirtschaft üblich ist, dann sitzt man halt seine 8 Stunden ab und hat dann seine Ruhe. Ebenso gibt es am digitalen Arbeitsmarkt, der ja schneller getaktet ist, das Modell der linearen Karrieren nicht mehr. Das Bild von „Diese Person wird in ihrem Job bleiben, bis sie in Pension geht“ ist vorbei. Ich sehe auch die 4-Tage-Woche bzw. die Reduktion der Arbeitsstunden als unumgehbar an.

Wie ist Ihre Prognose bzgl. Globalisierung und internationaler Vernetzung? Während der Pandemie hat man ja starke Trends zurück zur Regionalität bemerkt.

Das ist ein alter Widerspruch, der so einfach nicht mehr tragbar ist. Klar, wir haben es mit der Globalisierung übertrieben – das haben wir einerseits an Ungleichheit bei der Balance zwischen Kapital und Arbeit gemerkt, andererseits daran, dass uns die digitalen, multinationalen Unternehmen auf der regulatorischen Nase herumtanzen und machen, was sie wollen. Und den Gegentrend hin zum Nationalen haben wir auch in Amerika 4 Jahre lang erlebt. Aber: Mit der Welt verbunden sein und gleichzeitig regionale und lokale Bezüge haben ist kein Widerspruch! Nur wurde es immer politisch binär aufgezogen: Entweder ist man Kosmopolit/in oder man ist Nationalist/in. Aber das stimmt so einfach nicht mehr. Das Trendwort dafür ist „Glokal“, die Mischung aus beidem.

Welches sind die Schlüssel zum Erfolg in der Zukunft?

Meiner These zufolge werden neben der digitalen Versiertheit auch Fragen wie „Self-Management“, „Time: Self-Management“ oder „Location: Self-Management“ zu großen Themen werden. Auch eine Aura der Vertrauenswürdigkeit ist sehr wichtig, wenn man in diesen flexiblen Home-Office-Markt einsteigen will. Und: Das Büro von morgen wird ein stärkerer sozialer Raum. Man wird ins Büro gehen, um bei anderen zu sein – sonst hätte man ja gleich im Home-Office bleiben können. Und da muss man natürlich auch die sozialen Kompetenzen schärfen.

Welchen Tipp haben Sie für Berufseinsteiger/innen?

Unbedingt ein gesundes Ego entwickeln! Das, was man selbst kann, ist das, was der Arbeitsmarkt dringlichst braucht – und auch dementsprechend bezahlen soll! Die Jobsuche sollte als Matching-Prozess von beiden Seiten verstanden werden. Es ist kein Auf-den-Knien-betteln-Kommen und sich möglichst rhetorisch fit zu machen, um den Job zu bekommen – das ist Bullshit im 21. Jahrhundert. Es geht um ein Kennenlernen auf Augenhöhe. Denn die Unternehmen brauchen die Leute, die sie in der Transformation ins digitale Zeitalter begleiten. Unternehmen brauchen heterogene Teams, um resilient, also krisenfest, zu sein. Denn wenn man ein total homogenes Team hat – das ist wie in der Biologie mit der Monokultur – dann klatscht einen die erste Krise einfach sofort um. Ist man (alters-)heterogen, dann kann man sich auf Krisen freuen, weil man weiß, dass man an ihnen wächst.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte arbeitet seit acht Jahren für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin des Blogs beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

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