Bild: © Andreas Kowacsik

Aufgabe von Coach und Kommunikationstrainer Ronny Hollenstein ist es, Personen auf die unterschiedlichsten Gespräche vorzubereiten. Klar, dass er uns Insider-Tipps für den glänzenden Networking-Auftritt geben kann.

Was macht gutes Networking aus?

Beim Networking geht es ums Kennenlernen. Und das funktioniert immer über Aufmerksamkeit, Respekt und Vertrauen. Es geht ums gute-Fragen-Stellen und ums Zuhören. Es geht um Wertschätzung und eine positive Grundeinstellung. Es geht darum, den/die andere/n wahrzunehmen und Rücksicht auf seine/ihre Bedürfnisse zu nehmen. Ein/e HR-Mitarbeiter/in ist umringt von einer Menschentraube? Dann nehme ich Rücksicht auf seine/ihre Zeit: „Ich merke, Sie haben noch andere Menschen zu treffen. Danke für die Karte, ich melde mich bei Ihnen.“

Anfangsszenario: Ich betrete einen Raum mit ganz vielen Leuten – und ich kenne niemanden. Was mache ich?

Zunächst einmal sollte ich mich beschäftigen und an etwas Schönes denken. Das hilft, damit ich mich nicht verloren fühle. Dann schaue ich mich um: Es gibt immer jemanden, der auch gerade kommt oder vielleicht ebenfalls gerade vor dem Büffet steht. Mit dieser Person kann ich dann ins Gespräch kommen – als Aufhänger dient meist gerade das, was hier passiert. Man redet über die Veranstaltung oder das Wetter, wirklich die ganz klassischen Smalltalk-Themen. Die meisten Menschen wollen Aufmerksamkeit, also ist es ein guter Tipp, offene Fragen zu stellen: „Was halten Sie vom Vortrag?“, „Wie sind Sie vom Thema betroffen?“, „Kennen Sie die Vortragenden?“, „Haben Sie bereits einmal etwas zu diesem Thema gehört?“ oder „Sind Sie ebenfalls das erste Mal da?“.

Welche Fragen kann ich noch stellen?

Man kann z.B. über die Branche reden oder die Trends der Zukunft. Konkretisierungs- und Verständnisfragen – „Habe ich Sie richtig verstanden?“ – helfen, ein Thema zu vertiefen. Wenn ich mit HR-Mitarbeiter/innen rede, dann interessiere ich mich auch für ihre Aufgaben: „Welche Erwartungen haben Sie an neue Mitarbeiter/innen?“, „Womit würde ich mich sofort bei Ihnen unbeliebt machen – als Mitarbeiter/in oder Kunde?“. Hilfreich ist sicherlich auch, wenn ich mir im Vorfeld schon Gesprächsfutter und mögliche Themen überlege. Denn ich finde es ganz furchtbar, wenn ein Gespräch versumpft. Dann lieber das Gespräch souverän beenden.

Das Gespräch souverän beenden? Wie?

Ich finde einen guten Grund für die schlechte Nachricht. Ich bleibe wertschätzend, aber deutlich. Zum Beispiel: „Vielen Dank. Es war super interessant, mit Ihnen zu plaudern und ich glaube, wir hätten noch das eine oder andere Thema zu vertiefen. Jetzt muss ich aber los, denn ich habe noch jemanden gesehen, den ich unbedingt begrüßen will“.  Den Fehler, den man oft macht, ist der Versuch, das Gespräch auszuhungern. Das ist unangenehm. Denn jeder Mensch spürt, wenn ich nicht mehr aufmerksam und zuwendend bin.

Folgende Situation: Mir wird eine Frage gestellt – und mir fällt partout die Antwort nicht ein. Wie soll ich reagieren?

Ich überspiele es nicht. Denn niemand will Klugscheißer/innen oder Leute, die offensichtlich etwas gut verpacken, das aber nicht gut ist. Der Trick ist, ich versuche eine subjektive Einschätzung des Themas zu finden. Zum Beispiel: „Ich weiß es nicht, aber ich denke mir…“ Und dann kann ich dem/der anderen die Möglichkeit geben, dass er/sie seine/ihre Sichtweise darlegt. Souveränität bedeutet, dass ich meine Schattenseite akzeptiere. Ich kann nicht souverän sein, wenn ich mir selbst nicht verzeihe, dass ich nicht alles weiß. Wenn eine Person auf der Bühne stolpert und es ist ihr peinlich, dann ist es dem ganzen Raum peinlich. Wenn sie aber stolpert und danach ein Lächeln im Gesicht hat, dann wirkt sie souverän.

Das heißt also, die eigenen Schwächen zu akzeptieren?

Für den Moment schon. Das heißt aber nicht, dass ich nicht an ihnen arbeite. Nehmen wir als Beispiel die typische Frage nach den drei größten Schwächen: Was ist mein Learning, damit das Unternehmen keinen Schaden nimmt? Zum Beispiel: „Ich bin ein/e Chaot/in. Während der Arbeit werden Sie sich manchmal denken, dass Sie eine/n Künstler/in und keine/n ITler/in engagiert haben. Deswegen habe ich mir angewöhnt, dass ich in den letzten zehn Minuten meiner Arbeitszeit wieder Ordnung auf meinem Schreibtisch schaffe.“ Das wirkt selbstreflektiert und zeigt ebenso, dass ich lernfähig bin. Gute Bewerber/innen verkaufen sich sowieso nicht. Sondern sie erzeugen bei HR-Mitarbeiter/innen die Fantasie, dass sie einen Mehrwert für das Unternehmen bringen. Und das tun sie, wenn sie reflektiert sind.

Wie kann ein Follow-up nach einem ersten Kennenlernen aussehen?

Beim Networking geht es darum, immer wieder Knoten zu bilden. Das bedeutet, dass ich am besten bereits im Kennenlerngespräch etwas suche, mit dem ich später wieder an den Kontakt anknüpfen kann. Drei Wochen nach einem Karriere-Event kann ich zum Beispiel einen interessanten Artikel oder auch eine aufgekommene Frage übersenden – gerne auch über Xing oder LinkedIn. Wichtig ist es, nicht lästig zu sein. Wenn manche Recruiting-Trainer/innen sagen, dass man die Unterlage abschicken und drei Tage später anrufen soll, denke ich mir immer: Seid ihr wahnsinnig? Gebt doch den Leuten ein bisschen Zeit! Da baue ich immer ein bisschen auf einen gesunden Menschenverstand – die Dosis macht das Gift.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte Kuchenbecker

Brigitte arbeitet seit acht Jahren für das ZBP. Ihre Leidenschaften sind das Schreiben und die Personalarbeit – umso besser, dass sie als Chefredakteurin des Karrieremagazins und Autorin des Blogs beide Interessen vereinen kann. In ihrer Freizeit findet man sie in der Natur: beim Wandern, Klettern oder Garteln.

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